Statement

„Die Gehirne“

1983 fanden sich Claus Löser, Autor, Schmalfilmer und Herausgeber von unabhängigen Mappenwerken und Florian Merkel, der an der Leipziger Hochschule Fotografie studierte, in ihrer Heimatstadt Karl-Marx-Stadt zusammen, um ihre Vorstellungen von Musik auszutesten. Über den „Zündfunk“ von Bayern 2 mit interessanten Klängen versorgt, lagen ihre Anregungen irgendwo zwischen dem Druck der frühen „PIL“ und dem Knarzen von „DIN A Testbild“. Der Bandname ging auf einen Text von Gottfried Benn zurück.

Claus spielte Gitarre, Florian trommelte, improvisierte Sessions im Wohnzimmer mit häufig wechselnden Instrumenten wurden auf Magnetkassetten festgehalten, Anklänge an musikalische Schemata weitgehend vermieden. An erster Stelle stand der Anspruch, etwas Originäres, Einzigartiges zu erzeugen: eine übersteuerte Tonbandaufnahme war vergleichbar mit einem unikaten Bild, das nicht wiederholt, nur reproduziert werden kann.
In dem Sinne hatten und haben „Die Gehirne“ auch später kein eigentliches Repertoire mit Playlist, ihre Auftritte waren und sind weniger Konzerte denn von Rhythmus geprägte Performances, in denen bestimmte offene Strukturen wiederkehren.

„Die Gehirne“, mit ihren Nebenprojekten, bewegten sich damals in einem recht produktiven Umfeld in Karl-Marx-Stadt, wo kreative Gemeinschaften wie „V-Traum“, „Hausmusik“, „Kriminelle Tanzkapelle“, „AG Geige“ und besonders der eine halbe Generation ältere Künstler Klaus Hähner-Springmühl mit seiner „Kartoffelschälmaschine“ selbstverständlich die Genregrenzen ignorierten.

Mit den Erweiterungen 1986 um den Bassisten Gullymoy und den Sänger Frank Maibier kam Ausdauer ins Spiel und ein charismatischer Frontmann: die nun möglichen Live Präsenzen gerieten in ihren besten Momenten zu psychedelischen Séancen, die das Charakteristische der Gruppe ausmachten.
Etliche Gäste brachten sich bei Proben und Auftritten ein, um ein Kommunegefühl zu erzeugen und die transportierten Energien zu vervielfachen, was den Sound drängend wuchtig und Liedstrukturen überflüssig machte. Zum engeren Stamm gehörte noch der früh verstorbene Saxophonist Mario Casper, der vibrierende Tongebilde über den durchgehenden Grundbeat legte.
Den Höhepunkt erreichten die selten dokumentierten Auftritte auf Künstler- und Kirchenfesten, wenn Gullymoy das Perkussionsblech in seinen Baß schob und Frank ekstatisch den Schützengrabenmonolog des Expressionisten August Stramm skandierte.

1988 kam die Auflösung: der konzeptionelle Ansatz, musikalische Konzepte zu negieren, funktionierte nur eine gewisse Zeit lang, gleichzeitig gingen die Lebenswege der Beteiligten auseinander.

Claus und Florian führten danach zwei Jahre das gestraffte und formal offenere Projekt „Orlac’s Hände“ weiter, dessen halbstündige „Besiedelung der Ozeane“ mit der Vokalistin Evelin Fischer sich mit großer Intensität dem weißen Rauschen annähert.

Jahre später kamen „Die Gehirne“ in unterschiedlichen Besetzungen, darunter mehrmals mit der Sängerin Sylvia Barth, mit Claus und Florian als Konstante wieder für ausgesuchte Auftritte zusammen und sind bis heute aktiv.

wichtige Auftritte:
1986 // Fuchsbau Karl-Marx-Stadt // „Wort und Werk“ Samariterkirche Berlin // Galerie am Markt Annaberg-Buchholz // Grafikkeller Leipzig // Pauli Kreuz Karl-Marx-Stadt // Silvester bei Frank Herrmann Dresden
1987 // MARTA Karl-Marx-Stadt // Ausstellung „Entwerter“ Klub der Bauarbeiter Berlin
1988 // KASCH Karl-Marx-Stadt // „Blanco Check“ Club 29 Berlin
1989 // Barbakane Leipzig // „Fremdkörperkultur“ Eiskeller Jazztage Leipzig
1995 // SOS Berlin
1999 // Hörsaalruine der Charité Berlin
2002 // Neuer Berliner Kunstverein
2006 // „SPANNUNG.LEISTUNG.WIDERSTAND“ Volksbühne Berlin
2009 // „Ihr habt es nicht anders gewollt“ Central Theater Leipzig
2013 // „Nachtleben Berlin: 1974 bis heute“ HAU2 Hebbel am Ufer Berlin

Kassetten:
1985 // „Die Gehirne – Ihre großen Erfolge 1983-1985“
1987 // „Die Gehirne 1986“
1988 // „Nachlese 87-88“

Berlin Juni 2017